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Bis 1983 war das Bezirksgefängnis von Multnomah County ein altmodischer, festungsähnlicher Bau gewesen, der mehrere Meilen vom Gerichtsgebäude des Countys entfernt in Rocky Butte lag. Als das Gefängnis in Rocky Butte niedergerissen wurde, um Platz für die Autobahn zu schaffen, wurde die Haftanstalt in den vierten bis zehnten Stock des Justice Center verlegt, eines sechzehnstöckigen, hochmodernen Komplexes, einen Block vom Gerichtsgebäude entfernt. Neben dem Gefängnis beherbergte das Justice Center auch die Zentrale der Polizei von Portland, Dienststellen der Bezirksstaatsanwaltschaft, die Abteilung für Kaution und Bewährung, die Polizeiverwaltung, das staatliche Forensiklabor sowie zwei Bezirks- und zwei bezirksübergreifende Gerichtssäle.
Bevor Amanda Justine Castle besuchen konnte, musste sie sich bei einem Wachposten im zweiten Stock des Justice Center anmelden und durch einen Metalldetektor gehen. Die Wache führte Amanda zum Gefängnisaufzug und drückte den Knopf für das Stockwerk, in dem Justine Castle inhaftiert war. Als der Aufzug anhielt, sah Amanda einen schmalen, hell erleuchteten Gang vor sich. Am Ende hing an der Wand neben einer massiven Stahltür ein Telefon. Über der Tür war eine Beobachtungskamera montiert. Mit dem Telefon rief Amanda eine Wache. Einige Minuten später öffnete ein Beamter die Tür und führte Amanda in einen weiteren schmalen Gang. Auf der einen Seite befanden sich drei Besuchszimmer. Durch dicke Glasscheiben in den Türen konnte Amanda in jedes Zimmer hineinsehen. Der Beamte öffnete die schwere Metalltür, die dem Aufzug am nächsten lag. Auf der anderen Seite des Raums war eine zweite Stahltür, die in den Gang mit den Zellen führte. Ein schwarzer Knopf ragte aus einer Gegensprechanlage, die in die gelbe Betonwand eingelassen war.
»Drücken Sie hier, wenn Sie Hilfe brauchen«, sagte der Beamte, bevor er die Tür hinter sich schloss.
Amanda setzte sich auf einen orangefarbenen Stuhl aus Spritzgussplastik. Sie holte Block und Kugelschreiber aus ihrem Aktenkoffer und legte sie auf einen kleinen runden Tisch, der mit Metallbolzen am Boden befestigt war. Aus Erfahrung wusste Amanda, dass es eine Weile dauern würde, bis die Wache Justine zu ihr brachte. Während sie wartete, dachte Amanda an ihre letzte Begegnung mit der Ärztin.
Vor vier Jahren war es ein Schock gewesen, als sie Justine bei Tony Fiori antraf, aber das war inzwischen längst Vergangenheit. Außerdem war zwischen Amanda und Tony sowieso nie etwas gewesen. Sie war ehrlich genug um zuzugeben, dass sie es gern gehabt hätte, wenn etwas gewesen wäre, aber sie war auch realistisch genug um zu wissen, dass sie nur Freunde gewesen waren.
Die Schlösser klickten, und eine uniformierte Wärterin führte Dr. Justine Castle in das Besucherzimmer. Amanda betrachtete sie und suchte nach Spuren, die die vergangenen vier Jahre bei ihr hinterlassen hatten. Justine war erschöpft, und kein Mensch sieht um drei Uhr morgens in einem orangefarbenen Gefängnistrainingsanzug schick aus. Das vom Regen strähnige Haar war ungekämmt, aber trotz der widrigen Umstände war Justine noch immer sehr schön, und auch ihre Kraft schien noch da zu sein, auch wenn sie im Augenblick einer schweren Belastungsprobe unterzogen wurde.
»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind«, sagte Justine.
»Dr. Castle ...«
»Bitte, Justine.«
»Mein Vater ist in Kalifornien. Er kommt erst in einer Woche zurück. Wenn Sie einen anderen Anwalt wollen, der Sie vertreten soll, kann ich Ihnen eine Liste ausgezeichneter Anwälte geben.«
»Aber Sie sind doch auch Strafverteidigerin, nicht?« Amanda meinte, einen Anflug von Verzweiflung in der Frage zu hören. »Der Stellvertretende Bezirksstaatsanwalt hat mir erzählt, dass Sie ihn eben in einem Mordfall geschlagen haben. Er hält Sie für sehr gut.«
»Das war sehr freundlich von Mr. Greene. Ich habe den Fall nicht gewonnen. Mein Mandant wurde für schuldig befunden. Ich habe die Geschworenen nur dazu gebracht, ihn nicht zum Tode, sondern zu lebenslänglich zu verurteilen.«
»Ich habe gelesen, was Ihr Mandant diesem Mädchen angetan hat. Es kann nicht einfach sein, eine Jury davon zu überzeugen, einem solchen Menschen das Leben zu schenken.«
»Nein, das ist es nicht.«
»Mr. Greene war also nicht nur höflich, als er sagte, dass Sie sehr gut sind.«
Amanda zuckte die Achseln, mit solchen Komplimenten konnte sie nicht gut umgehen. »Ich arbeite sehr hart für meine Mandanten.«
»Dann sind Sie die Anwältin, die ich will. Und ich will, dass Sie mich so schnell wie möglich von hier rausholen.«
»Das dürfte nicht einfach sein.“
»Sie verstehen nicht. Es darf nicht zu einer Mordanklage kommen. Mein Ruf wäre ruiniert, meine Karriere wäre ...«
Justine verstummte. Amanda sah, dass sie es hasste, so bedürftig und verzweifelt zu klingen.
»Das hat nichts mit meinen Fähigkeiten als Anwältin zu tun, sondern mit den Buchstaben des Gesetzes. In Oregon gibt es bei jedem Verbrechen außer bei Mord eine automatische Freilassung auf Kaution. Erinnern Sie sich noch an den Fall Ihres Mannes? Mein Vater musste eine Kautionsanhörung beantragen, als der Staatsanwalt Einspruch gegen eine Freilassung erhob. Wir werden für Sie eine ähnliche Anhörung beantragen müssen, außer der Staatsanwalt stimmt einer Freilassung zu.«
»Dann bringen Sie ihn dazu!«
»Ich werde es versuchen. Gleich nach dem Gespräch mit Ihnen treffe ich mich mit ihm. Aber ich kann Ihnen nichts versprechen.«
Justine beugte sich vor und konzentrierte all ihre Energie auf Amanda. Amanda war das zwar unangenehm, aber Justines Blick war so intensiv, dass sie nicht wegschauen konnte.
»Ich will Ihnen zwei Sachen ganz klar sagen. Erstens, ich habe niemanden umgebracht. Zweitens, da will mir jemand etwas anhängen.«
»Wer?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Justine mit offensichtlicher Frustration, »aber ich weiß, der Umstand, dass ich zu der Farm gelockt wurde und dass die Polizei genau zum richtigen Zeitpunkt auftauchte, war kein Zufall.«
Justine erzählte Amanda von dem Anruf, der sie dazu veranlasste, zu dem Farmhaus zu eilen, und was sie nach ihrem Eintreffen dort erlebt hatte.
»Kennen Sie das Opfer?«
»Ich glaube, nicht, aber ich bin mir nicht sicher. Ich habe ja nur einen kurzen Blick auf ihn geworfen, und sein Gesicht war sehr entstellt.«
Amanda bemerkte, dass Justine die Hände auf dem Tisch gefaltet hatte, und zwar so verkrampft, dass die Knöchel Weiß wurden. Wenn das Erinnerungsbild eines Toten sogar eine Chirurgin so aus der Fassung bringen konnte, dann freute Amanda sich nicht gerade auf den Anblick der Autopsie- und Tatortfotos.
»Fällt Ihnen außer der Tatsache, dass die Polizei Sie am Tatort angetroffen hat, noch etwas ein, das den Verdacht erwecken könnte, Sie hätten den Mann im Keller ermordet?«
»Nein.«
»Haben Sie irgendetwas gesagt, das als Geständnis interpretiert werden könnte?«
Justine machte ein verärgertes Gesicht. »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich niemanden umgebracht habe. Der Mann war schon tot, als ich dort ankam.«
»Wurden Sie am Tatort verhaftet?«
»Nein, die zwei Beamten, die mich dort fanden, waren sehr höflich. Das waren sie alle, auch Mr. Greene und der Detective, nachdem man mich ins Justice Center verfrachtet hatte. Sie brachten mir Kaffee und ein Sandwich. Sie waren sehr mitfühlend. Dann kam ein Anruf aus dem Forensiklabor, und plötzlich war alles anders. DeVore und der Stellvertretende Bezirksstaatsanwalt gingen auf den Gang und unterhielten sich. Als sie zurückkamen, las DeVore mir meine Rechte vor.«
»Sagten sie Ihnen, was vorgefallen war?«
»Sie sagten, sie wüssten, dass ich diesen Mann umgebracht habe. Als ich es leugnete, beharrten sie darauf, dass ich lüge. Und dann rief ich Sie an.«
Amanda machte sich ein paar Notizen.
»Wann erhielten Sie den Anruf wegen Dr. Rossiter?«
»Gegen neun am Abend.«
»Wo waren Sie?“
»Bei mir zu Hause.«
»Waren Sie allein?«
»Ja.«
»Waren Sie während des Tages mit jemandem zusammen? Mit jemandem, der Ihnen ein Alibi geben kann?«
»Nein, ich war übers Wochenende weg. Ich habe ein kleines Haus an der Küste. In der Klinik war es ziemlich hektisch gewesen, und ich fuhr am Freitagabend dorthin, um von den ganzen Leuten wegzukommen und mir den Sturm anzuschauen. Ich kam erst kurz vor dem Anruf heim.«
»Sie sagten, das war gegen neun.«
Justine nickte.
»Wo liegt dieses Farmhaus?«
»In einer gottverlassenen Gegend auf dem Land an einer schmalen Straße. Ich bekam richtig Angst, als ich dort auf den Hof fuhr. Das Haus sah aus, als wäre es seit Jahren unbewohnt.«
Wieder huschte Bestürzung über Justines Gesicht.
»Fahren Sie fort!«, sagte Amanda.
»Sie waren an Vincents Verteidigung beteiligt, nicht?«
»Ich habe meinem Vater geholfen.«
»Waren Sie nicht auch in der Hütte in Milton County? Sie waren es doch, die Vincents Hand gefunden hat, nicht?«
»Ja«, antwortete Amanda leise.
Justine atmete tief durch und schloss einen Augenblick lang die Augen. »Es war nicht die Leiche, vor der ich davongerannt bin.«
Amanda wartete geduldig, während Justine langsam ausatmete und sich wieder fasste.
»Der Keller des Farmhauses ist in zwei Räume unterteilt. Als ich den zweiten Raum betrat, sah ich den Tisch.«
»Was für einen Tisch?«, fragte Amanda, die eine leichte Übelkeit in sich aufsteigen spürte.
»Einen Operationstisch.“
Amanda klappte der Mund auf. »Das klingt wie ...«
Justine nickte. »Daran habe ich auch als Erstes gedacht. Und das war auch der Grund, warum ich davonrannte, und der Grund, warum ich Ihren Vater sprechen wollte.«
Amanda stand auf.
»Ich muss mit Mike Greene reden. Er war Bezirksstaatsanwalt in Los Angeles, als Cardoni verhaftet wurde. Er weiß über diesen Fall sicher nicht Bescheid.«
»Aber DeVore sollte doch davon gehört haben.«
»Es war nicht sein Fall, und das meiste spielte sich ja in Milton County ab.«
Amanda klingelte der Wache und wandte sich dann wieder Justine zu.
»Das Schlimmste im Gefängnis ist nicht das, was man im Fernsehen sieht«, sagt sie. »Es ist die Langeweile. Dass man den ganzen Tag herumsitzt, ohne etwas zu tun zu haben. Ich trage Ihnen jetzt eine Arbeit auf, die Sie beschäftigen und mir bei meiner Verteidigung helfen wird. Ich will, dass Sie für mich Ihre Autobiografie schreiben.«
Der Auftrag schien Justine zu überraschen. »Wozu brauchen Sie denn die?«
»Ich will ganz offen mit Ihnen sein. Ich hoffe, dass ich diesen Fall gewinne und Sie freikommen, aber ein guter Anwalt bereitet sich immer auf das Schlimmste vor. Wenn Sie des heimtückischen Mordes für schuldig befunden werden, gibt es eine zweite Phase: die der Strafzumessung. Dabei entscheiden die Geschworenen über Ihre Strafe, und eine der möglichen Strafen ist der Tod. Um die Geschworenen dazu zu bringen, Sie am Leben zu lassen, muss ich Sie den Geschworenen als menschliches Wesen schildern, und ich tue das, indem ich ihnen die Geschichte Ihres Lebens erzähle.«
Justine sah aus, als würde ihr diese Erklärung nicht behagen.
»Wenn Sie die biografischen Informationen nur verwenden, wenn ich verurteilt werde, warum kann ich mit dem Schreiben dann nicht noch warten?«
»Justine, ich hoffe, dass ich nichts von dem Material, das Sie mir geben, je verwenden muss, aber ich weiß aus Erfahrung, dass ich mit der Vorbereitung auf die Strafzumessungsphase nicht bis zur letzten Minute warten kann. Der Richter gewährt einem normalerweise nur ein paar Tage zwischen Hauptverhandlung und Strafzumessung. Wenn wir nicht jetzt damit anfangen, haben wir später keine Zeit mehr, es gründlich zu machen.«
»Wie weit zurück soll ich gehen?«
»Fangen Sie mit Ihrer Geburt an!«, antwortete Amanda mit einem Lächeln.
Die Schlösser klickten, und die Tür ging auf.
»Ich komme heute Nachmittag zur Anklageerhebung wieder. Fangen Sie in der Zwischenzeit an, Ihre Lebensgeschichte zu schreiben! Sie werden mir dankbar sein, dass ich Ihnen etwas zu tun gegeben habe, das Sie ablenkt.«